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Samstag, 15. Juni 2013, 13:07

Fritz Stahlecker über die korrekte Einwirkung der Reiterhand

Bei Dressurprüfungen kann es vorkommen, dass durchhängende Zügel negativ bewertet werden. Ohne Zweifel geht es um eine Grundsatzfrage. Man hüte sich, sie vorschnell zu beantworten. Eine nähere Betrachtung ergibt Folgendes:

Es fällt auf, dass sich die alten Meister, auf die wir uns berufen, geradezu darin gefallen haben, die Zügel ein wenig durchhängen zu lassen. Auf alten Stichen sind straffe Zügel selten. Dasselbe gilt für alte Reiterstandbilder; einen Heerführer oder Monarchen mit straffem Zügel gibt es nicht. In der Kavallerie waren die Zügel straff. Nur so konnte man in Attacke auf den Feind zureiten. Vom Pferd wurde der absolute Gehorsam verlangt. Es war dem Reiter unterworfen.

Dem Pferd eine Abstützung bieten?
Es wird immer wieder behauptet, der Reiter müsse mit den Zügeln dem Pferd eine Abstützung bieten. Diese Forderung ist unsinnig, weil sie dem Ideal der Selbsthaltung widerspricht. Auch aus tierärztlicher Sicht darf der Reiter mit seiner Muskelkraft nicht zu einer gewünschten Haltung beitragen. Die Durchblutung der Pferdezunge würde gestört. Die Anlehnung ist ein wichtiges Kriterium in einer Dressurprüfung. Was man unter Anlehnung versteht, ist indessen in den Lehrbüchern technisch nicht klar ausgedrückt. Von befragten Dressurreitern bekommt man schwerlich eine technisch nachvollziehbare Antwort. Mit gewisser Berechtigung sagen sie, dass das Maß der Zügelspannung Gefühlssache sei.

Ich bin den Gefühlen nachgegangen. Und ein ganz einfacher Versuch fördert Erstaunliches zutage und gibt zu denken: Man gibt dem Reiter, der mit verbundenen Augen auf einem Stuhl sitzt, die Zügel in die Hände und bittet ihn, eine von ihm gut geheißene Spannung sowie die Ober- und Untergrenze hinsichtlich ihrer Zulässigkeit zu demonstrieren. Beide Zügel sind mit einer Federwaage kombiniert.

Das Resultat: Die meisten Reiter unterschätzen bei weitem, welche Spannungen sie erzeugen und wundern sich über die abgelesenen Werte. Sie liegen oft um eine ganze Größenordnung über ihrer Schätzung. Zum anderen ergeben sich erhebliche Unterschiede zwischen linker und rechter Hand. Unsere rechte Hand ist von Natur aus die arbeitende, die linke die Haltehand. Letztere ist feinfühlig. Die Arbeitshand greift dagegen, ohne dass es uns bewusst ist, viel härter zu. Meistens!

Genaue Messungen
Oft wird schlicht vergessen, dass im Pferdemund die Kräfte beider Hände ankommen, dass man sie addieren muss! Ein Beispiel: Der nicht vorgewarnte Reiter meint, in beiden Händen gleich viel Gewicht zu haben und gibt an, die Pferdezunge mit nicht viel mehr als zirka 300 Gramm zu belasten. Gemessen wird aber: linke Hand = 200 Gramm; rechte Hand = 300 Gramm. Ergibt eine Belastung der Zunge von 500 Gramm.

Im Fall der Kandarenzügel steigt bei einem Übersetzungsverhältnis von 7:9 die Belastung der Zunge auf 1160 Gramm. Wieder gilt, dass beide Kräfte auf der Zunge ankommen. Somit ergibt sich als Gesamtbelastung der Zunge durch Kandarenstange und Unterlegtrense ein erstaunlicher Wert von 1660 Gramm. Dies ist ohne Zweifel viel zu hoch und nicht pferdegerecht. Indessen darf man wohl davon ausgehen, dass das Beispiel mittendrin in der Praxis liegt. Bei einem 2-Zentimeter-Durchhang wird die Pferdezunge durch die Trense mit einem halben Kilo, durch die Kandare mit 1,2 Kilo belastet. Bei Verringerung auf einen Zentimeter ergibt sich eine Gesamtbelastung der Pferdezunge von bereits 3,3 Kilo!

Alarmierende Zahlen
Angesichts dieser alarmierenden Zahlen gibt es keine Ausrede mehr! Wir müssen zu einer feineren Zügelführung kommen! Die Richter sollten sich Gedanken machen und sich fragen, ob es richtig ist, gering durchhängende Kandarenzügel zu verdammen.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus! Straffe Kandarenzügel sind falsch!

Straff gerade gezogen bedeuten sie, dass die Pferdezunge mit vier Kilo und mehr belastet ist. Man beachte den steilen Verlauf der Belastungskurve! Sie belegt dazuhin eindeutig, dass das Pferd selbst bei deutlich durchhängenden Kandarenzügeln die kleinste Bewegung der Reiterhand auf der Zunge fühlt.

Die Rechnung gibt in erstaunlicher Weise de la Guerinière recht. Er vermied den straffen Kandarenzügel. Wir berufen uns gerne auf diesen Meister der Reitkunst, ohne auf seine Lehre zu achten. Wie sehr hat doch der Altmeister Lörke recht mit seiner Forderung, der Reiter möge im Sattel nicht mehr als das Notwendige tun. Es genügt, wenn das Pferd die Hand versteht. Grammgewichte sind ausreichend. Es braucht keine Kilogewichte. Wir müssen uns eine Grenze setzen.



Die 3:1-Führung der Kandarenzügel. Ich reite schon seit Jahren nur noch so. Das Pferd dankt es mir.

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