Gedanken über Donovan

In den fast zwei Jahren, in denen Donovan schon hier ist, hat er mich oft zur Verzweiflung getrieben. Dass er ohne Ausbildung und Menschenbezug zu mir kam, wusste ich ja vorher. Aber ich hatte mir seine "Zähmung" einfacher vorgestellt, wollte ihn rein in HSH ausbilden.

Das ging ja nun gründlich daneben. Wenn ich ihn mir heute so betrachte, glaube ich im Nachhinein, dass er einfach nicht verstanden hat, was ich von ihm wollte, was ich von ihm erwartete.

Ich habe im Moment alle Zirkuslektionen eingestellt, übe keinen Spanischen Schritt und Trab mehr, um sein "Matcho-Gehabe" nicht weiter zu unterstützen. Das kann ich zu späterer Zeit wieder aufgreifen. Er dankt es mir mit deutlich mehr Gelassenheit. Die Arbeitseinheiten werden insgesamt für beide friedlicher. Ich freue mich über jeden kleinen Fortschritt und bin wieder guten Mutes, ihn doch noch "zu knacken".

Heute glaube ich, dass er mir schon sehr gefallen möchte, mir alles Recht machen – aber bitte mit freundlicher Einladung und nicht mit Druck und Einengung. Ausbinder mag er ebensowenig wie das Ende der Bahnpeitsche, die seine Beine touchiert. Dann reagiert er ziemlich entrüstet.

Ich habe in den ersten Wochen gesagt, dass Donovan zu mir gekommen ist, damit ich von ihm etwas lerne. Vielleicht bedeutet das, dass ich für ihn einen anderen Weg gehen muss, als mit anderen Pferden. Ich muss weg von irgendwelchen Reitweisen und Ausbildungsmethoden, muss mich ganz allein auf mein Bauchgefühl verlassen. Ich glaube, das ist der Schlüssel, der mir bisher bei ihm gefehlt hat. Und wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, dass ich mal ein Pferd nur mit Knotenhalfter und Seilzügeln anreiten würde – ich hätte ihn ausgelacht!

Ich hatte ja schon immer vermutet, dass er sich längst ohne große Gegenwehr reiten lassen würde – aber ich hatte mich bisher einfach nicht getraut. Wer Donovan schon mal gesehen hat, wie er in der Halle austicken kann, kann meine Sorge verstehen.

Donovan scheint ein Pferd zu sein, das man sanft überreden muss, etwas für einen zu tun – mehr aus Motivation heraus, als auf Kommando. Er muss ein bisschen mitbestimmen dürfen, was getan wird, dann fügt er sich und ist nicht mehr widersetzlich. Er braucht ein Quäntchen mehr Freiheit als die meisten Pferde. "Du musst dich mehr durchsetzen!" "Zeig ihm, wer der Boss ist", funktionieren bei ihm nicht.

Meine Ausbildungsmethode HSH habe ich für ihn noch nicht aufgegeben. Aber vielleicht muss er über das Reiten erst mehr Vertrauen in unser Handeln bekommen. Ich werde bestimmt darauf zurückkommen.

Es ist jedenfalls eine spannende, abenteuerliche Reise mit ihm, die mich herausfordert, manchmal auch überfordert, aber letztlich doch in kleinen Schritten mehr und mehr voranbringt. Donovan ist für mich eine Herausforderung, die ich erst jetzt wirklich angenommen habe.