Wurmkur

Gestern war unser Stalltreffen, das wir in unregelmäßigen Abständen ca. zweimal im Jahr abhalten. So hatten die Pferde Pause. Ich nutzte den Abend, meinen beiden ihre fällige Wurmkur zu verpassen. Mit Handschuhen, Halfter und Strick bewaffnet näherte ich mich auch Donovan.

Aber entgegen aller Befürchtungen, ließ er sich ganz einfach entwurmen. Die Paste schmeckte ihm zwar nicht, er flehmte entsetzlich, versuchte vergeblich, sie wieder auszuspucken, aber er war auch nicht tödlich beleidigt.
Heute Abend muss er jedenfalls wieder ran.


Sturheit siegt

Sonntag
Susanne, eine Arbeitskollegin kam mich besuchen, um „den Neuen“ mal zu begutachten. Donovan zeigte sich von seiner besten Seite, kam an den Zaun, ließ sich kraulen, gab sich freundlich. Nach einem kleinen Schwätzchen beschlossen wir, dass ich Donovan auch mal in der Halle vorführe. Vor allem hatte sie noch ein bisschen Zeit und bot an, mich zu filmen.

Filmaufnahmen sind mir zurzeit stets willkommen. Sie sind später mal ein wertvolles Zeitdokument. Gesagt, getan.
Während Susanne auf der Bank saß, die Kamera im Anschlag, führte ich vor, wie fein Donovan neben mir gehen, anhalten und auf Kommando Rückwärtsgehen kann. D.h.: wollte ich vorführen! Donovan rammte seine vier Beine in den Boden sagte „Nein“. Ich kam nicht weit genug hinter ihn, um ihn am Hintern voranzutreiben. Er war im Rückwärtsgehen schneller.


Nach einem Minutenlangen Versuch brach ich ab, ließ Donovan im Kreis um mich laufen, anhalten und die Richtung mehrfach wechseln. Wenigstens das funktionierte leidlich – allerdings schüttelte er dabei ungestüm sein Kopf rauf und runter.

Das anschließende Führen klappte wieder nicht. Na gut, muss dann heute ausfallen. Ich werde mir was überlegen, das Führen anders anzustellen. Ich kriegte ihn nur neben mir laufend, in dem ich mit dem Carrot-Stick hinter mich auf seine Kruppe tippe.

Den Carrot-Stick im Anschlag, falls er stehen bleibt…

Tut er aber nicht mehr…

Vorbildliches Halten mit Stecken gegen die Bande geklopft
Mal sehen, was der morgige Tag bringt….


Porträt Cera

Cera ist eine Westfälische Warmblutstute. Ich habe sie vor vier Jahren Vierjährig im November vom Aufzüchter Klaus Knickrehm in Großensee gekauft. Er ritt sie mir vor, und ich war ganz begeistert von ihrem gewaltigen Schritt und ihrem ruhigen Wesen in allen Gangarten. Die Halle dort ist ein Traum, Glaswände fast bis zum Boden, riesengroß und taghell. Cera war nicht eingeflochten, aber mit weißen Bandagen und weißer Schabracke aufgerüscht. Ein wirklich tolles Bild. Obwohl ich ja eigentlich nicht wollte, habe ich sie dann gleich beim ersten Besuch probegeritten. Es war ein Traum. Sie war erst drei- bis vier Wochen geritten, ging aber sicher und willig in allen Gangarten, auf beiden Händen.

Eine Woche später zog sie bei mir ein. Das Ersttraining mit ihr war natürlich viel leichter als mit Donovan, da sie an den üblichen Umgang beim Putzen und Reiten gewöhnt war. Der erste Ritt in meiner Halle ein paar Tage später abends nach der Arbeit war allerdings der totale Reinfall. Sie war ängstlich, guckig, wollte nicht recht vorwärts, schlug mit dem Kopf.

Na prima, habe ich damals noch geacht. Da hast du dir ja was angelacht… Mir ist dann später klargeworden: Sie war bis zu dem Zeitpunkt immer vormittags im Hellen gearbeitet worden und immer in Pferdegesellschaft. Die nächsten Tage bin ich dann nur geritten, wenn noch andere Reiter in der Halle waren.

Aber trotzdem war rasch klar: Alleine würde ich sie nicht anständig reiten können. Ich brauchte Unterricht. Und zwar nicht den alltäglichen FN-Unterricht, sondern irgendwas Klassisches. Mit Unterricht in der akademischen Reitweise von Bent Branderup kam ich nicht zurecht. Die Pferde dürfen dort nur gebogen auf kleinen Kringeln überwiegend im Schritt gehen. Und der fleißige Trab wird durch Zirkelverkleinern und Volten ausgebremst. Das klappte bei Cera gar nicht, und ich wollte diese kleinen Kringel mit einem vierjährigen Pferd auch noch nicht reiten.

So kam ich zur klassisch-iberischen Reitweise, die Monika Amelsberg unterrichtet. Bei ihr habe ich die ersten drei Jahre Unterricht genommen. Zwischendurch habe ich sie Parellimäßig ausgebildet. Sie geht auf Fingerzeig rückwärts und auf dem Zirkel, galoppiert auf ein Fingerzeichen an. Ich kann sie vorwärts und rückwärts verladen – mit und ohne Halfter, und wenn sie gut drauf ist, kann ich mit ihr sogar ohne Halfter und Strick spielen.

Mit der Dressurausbildung allerdings kam so einiges ins Stocken. Wir kamen nicht recht voran. Da erinnerte ich mich an die Videos von Herrn Stahlecker, die ich bereits zwei Jahre zuvor bestellt und mit Bewunderung gesehen hatte. Damals hatte ich mit Cera auch erste Übungen daraus versucht, aber es hatte so gar nichts klappen wollen. Den neuerlichen Versuch muss ich wohl intensiver und zielgerichteter angegangen sein. Denn nun war Cera mit Feuereifer bei der Sache.

Inzwischen ist sie schon fast ein Jahr in der HSH-Ausbildung und lernt täglich dazu. Sie hat ihren ganzen Körper umgeformt, ist viel kräftiger im Hals und in der Hinterhand geworden. Und: Unser Verhältnis, das durch die Parelli-Arbeit ja schon nicht schlecht war, hat sich um 100 Prozent verbessert. Seit Januar reite ich Cera auch wieder (nach 7 Monaten strikter Handarbeit) und versuche, die Philosophie der HSH-Methode auch aufs Reiten zu übertragen.




Eine neue Liebe

Donovan ist ein offenbar begehrter Junggeselle. Haben sich die beiden Stuten anfangs angewidert abgewandt in ihn keines Blickes gewürdigt, sieht es nun nach einer Woche ganz anders aus. Das Rennen hat bisher Rasga gemacht. Sie ist – wie Cera – hoch rossig und drängt sich Donovan schon recht unanständig auf. Gott sei Dank scheint Donovan nicht zu wissen, was das bedeutet! Er macht keine Anstalten, sie zu bespringen. Er fühlt sich eher ein bisschen geehrt, dass er so begehrt ist und beschützt Rasga vor den anderen Wallachen.
Cera scheint zu denken: „Albern, das verliebte Paar, mit denen habe ich gar nichts zu tun!“ und schließt sich plötzlich Ponywallach Lucky an, mit dem sie sonst eigentlich nichts am Hut hat.
Die anderen beiden Wallache, Haflinger Asterix und der Spanier Diego halten sich ganz im Hintergrund. Mit Donovan als Konkurrenz kriegen sie bei Rasga und Cera keine Schnitte.
Hier noch ein paar Fotos der Pferdetruppe:

Das neue Liebespaar

Wollen wir ein bisschen kuscheln?

Ich hab dich auch zum Fressen gern!

„Jetzt guck sich doch einer diese Idioten an!“, flüstern sich Cera und Lucky zu.

„Aber ein hübsches Paar würden sie schon abgeben!“
„Was meinst du, Lucky, wollen wir auch eine Scheinehe eingehen?“


Die erste Woche

Am Montag musste ich ja wieder arbeiten. Ich stellte also alle Pferde mit reichlich Heu zusammen auf den Paddock. Es hat in Strömen geschüttet, aber ich hoffte, der Regen würde noch nachlassen. Ich wollte die Pferde nicht länger als nötig trennen, wo sie sich doch gerade gut aneinander gewöhnt hatten. Donovan bekam sein Stallhalfter auf. Ich ließ es dran, damit mein „Pferde-Reinholdienst“ eine Chance hat, den Zausel zu greifen.

Ich war in Sorge, ob er wohl nur draußen stehen würde, weil er in seiner Doppelbox ja allein steht und dann völlig nassgeregnet und durchgefroren sein würde. Ihm eine Regendecke zu verpassen, ist zurzeit noch völlig undenkbar.

Freudige Überraschung, als ich abends nach Hause kam: Er stand warm und trocken in seiner Box und fraß gemütlich sein Heu. Erst als das automatische Licht – über einen Bewegungsmelder von mir ausgelöst – anging, kam er heraus. Ich nahm ihn in Parelli-Ausrüstung mit in die Halle.

Stehen und Gehen und Rückwärts sind die ersten Kommandos, die er lernen muss. Es klappte erstaunlich gut. Nachdem der Spiegel erneut inspiziert werden musste, machte er aufmerksam mit. Das Anhalten übte ich gleich in HSH-Manier: Mit dem Stock klopfte ich vor ihm gegen die Bande, während ich „Haaaaaaalt“ sagte und selber „militärisch“ stehenblieb.

Schon nach einer Runde hatte er das begriffen, und ich musste den Stock nicht mehr einsetzen. Das Rückwärts ist bei ihm eh icht so ein großes Problem, da er eher zum Weglaufen neigt, als einen über den Haufen rennt.

Zweite wichtige Übung: Akzeptieren, wenn der Carrot-Stick wedelt und das nicht als Kommando zum Losrennen interpretieren. Ich konnte ihn nach einigen Minuten mit dem Stock abstreichen, überall berühren. Das Seil wedelte ich vor mir im Takt wie einen Scheibenwischer hin und her, während ich vorwärts ging und er mir folgte. Das Seil auf seinen Rücken werfen konnte ich noch nicht. Das machte ihm große Angst.

Zwischen den Übungen: Immer wieder Pause, „dumm rumstehen“, am Kopf kraulen, reden und viel viel loben.

Nach 20 Minuten war die erste „Lehrstunde“ beendet und ich brachte ihn zurück und gab ihm zur Belohnung sein Kraftfutter.

Das selbe Programm mache ich nun jeden Abend. Von Tag zu Tag erduldet er es mehr, wenn Führstrick oder Carrot-Stick über seinen Rücken geworfen wurden. Zusätzlich im Programm: das Circle-Game (im Kreis um mich rumlaufen). Den ausgestreckten Arm, der ihm die Richtung vorgibt, missversteht er anfangs als Bedrohung, will sich rückwärts aus der Affäre ziehen. Schließlich klappt es aber doch. Wenn ich will, dass er trabt, mache ich ebenfalls ein paar Trabtritte in der Mitte des Zirkels. Das wird auch von Tag zu Tag besser.

Seit Donnerstag neu im Programm: Rückwärts richten mit Fingerzeig auf Entfernung (Yoyo-Game). Das fällt ihm wie erwartet leicht. Das zu mir zurückkommen geht aber auch recht gut, ist aber noch zu zögerlich.

Donnerstag Abend habe ich ihn zum ersten Mal in der Halle vom Führseil abgemacht, damit er die Halle alleine erkunden kann. Der Spiegel ist inzwischen kein Problem mehr. Aber Donovan will nicht toben, sich auch nicht wälzen. Er läuft mir hinterher, freut sich, wenn ich ihn kraule.

Auch ich habe mich in der Woche mehr und mehr entspannt. Donovan hat sich nicht als das erwartete Wildpferd entpuppt. Er ist aufmerksam, macht gerne mit und freut sich, wenn er gelobt wird. Er streckt mit seine Füße freiwillig entgegen – auch hinten und hat kein Problem damit, wenn ich mit der Bürste die Hufe reinige.

Beim Putzen ist er noch sehr eigen: Harte Bürsten mag er gar nicht, ganz besonders die Metallbürsten nicht, mit denen man Schweif und Mähne bürstet. Ich vermute, weil es ein Geräusch macht. Das macht aber gar nichts, putzen steht nicht an erster Stelle der Ausbildung.


Das erste Wochenende

SAMSTAG

Der Samstag begann ebenso friedlich wie der Freitag endete. Donovan kam gut erholt aus seiner Box (ich hatte ihn wieder über Nacht eingesperrt) und freute sich, dass nun was passieren sollte. Ich führte ihn wieder allein in den Roundpen und ließ dann unsere Pferde frei. Zuvor hatte ich überall reichlich Heu verteilt.

Die Rennerei hielt sich von vornherein in Grenzen, alle stürzten sich auf ihr Frühstück. Und so traute ich mich nach zwei Stunden, das Türchen für Donovan aufzumachen. Während er aus dem Roundpen rauskam, ging ich in den Roundpen hinein – wollte nicht mitten zwischen aufgeregt umherspringende Pferde geraten.

Ich hielt meine Kamera gezückt – und NICHTS passierte. Donovan schlenderte umher, guckte sich alles ganz genau an, inspizierte aber auch wirklich jeden fremden Ködelhaufen. Die anderen taten so, als würden sie Donovan nicht kennen. Die beiden Stuten gingen auffällig betont in eine andere Windrichtung, und wenn es nicht Pferde wären, würde ich sagen „mit hoch erhobener Nase“.

Die einzigen, die Interesse zeigten, waren Haflinger Asterix und Ponymix Lucky.

Auf das Foto klicken, um das Video zu sehen

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Nach einer weiteren Stunde – inzwischen war tüchtig Wind aufgekommen – fand ich es Zeit, alle reinzuholen. In welcher Reihenfolge sollte ich sie nehmen? Donovan zuerst? Gruppenführerin Cera zuerst? Da kam mir der Zufall zu Hilfe: Meine gierigen Pferdchen hatten das Heu, das für Donovan im Roundpen lag, entdeckt. Donovan hat davon kaum genascht. Und so hatten sich alle ins Roundpen gesellt, um sich übers Heu herzumachen. Einzig Rasga lief außerhalb des Roundpens am Zaun auf und ab. Sie hat den Eingang nicht gefunden!

So war es mir ein Leichtes, das Roundpentürchen zu schließen. Um Donovan zu greifen und ihm das Halfter aufzulegen, brauchte ich allerdings einige Minuten. Erst hab ich ihn verfrachtet, dann den Rest. Ein Kinderspiel!

SONNTAG

Der Sonntag begann mit einem unheimlichen Sturm – und Regen. Also hab ich Vierbeiner in ihren Boxen gefüttert und erst am späten Vormittag rausgelassen. Am nächsten Tag würde ich wieder arbeiten müssen, also galt es, Donovan in eine „normale“ Herdensituation zu bringen.

Ich lasse meine Pferde immer allein zur Weide laufen und hole sie auch so zurück. Es sind ja nur ein paar, die Wege sind kurz, und kein Pferd kann auf die Straße gelangen.

Also schnappte ich mir Donovan, legte ihm sein Stallhalfter auf und führte ihn durch die Stallgasse auf den Weg zum Auslauf. Ich erwartete, dass er lospreschen würde. Aber das tat ernicht. Während ich im Stall die Boxentür von Cera aufmachte, kam Donovan zurück, um alles ganz genau aus der Nähe zu betrachten.

Hmmm. Genau DAS wollte ich eigentlich nicht: Zwei Pferde, die sich in der Stallgasse gegenüberstehen! Aber wider Erwarten passierte nichts. Cera schlenderte an ihm vorbei nach draußen, die anderen folgten gemächlich – trotz inzwischen heftigem Sturm!

Nach ein paar Stunden hab ich dann alle wieder reinlaufen lassen – inkluseve Donovan. Das war wirklich leicht!

Noch am Sonntag, zeigte ich Donovan zum ersten Mal die Halle. Das fand er superspannend, vor allem, da der Sturm an allen Enden pfiff und die ganze Halle bebte. Überall musste er riechen – ganz besonders am Spiegel. Hallenspiegel hatte er noch nicht kennengelernt. Minutenlang starrte er hinein, näselte daran rauf und runter.

„Komisch“, wird er gedacht haben, „das Pferd gegenüber riecht ja gar nicht!“ Mehrmals bin ich mit ihm außenrum geschlendert, überall durfte er dran riechen. Und das tat er ausgiebig. Für Donovan war das ein aufregender Tag!

Resümee: Anders als befürchtet, hat sich Donovan überhaupt nicht wie ein unerzogener Youngster verhalten. Er war vorsichtig, hat sich nichts gefallen lassen, aber auch nicht angegriffen. Er mag gern, wenn „etwas passiert“, Anfassen findet er aber noch blöd und ist dabei sehr misstrauisch. Na mal sehen, was die Woche bringt!

Am Montag musste ich ja wieder arbeiten. Ich stellte also alle Pferde mit reichlich Heu zusammen auf den Paddock. Es hat in Strömen geschüttet, aber ich hoffte, der Regen würde noch nachlassen. Ich wollte die Pferde nicht länger als nötig trennen, wo sie sich doch gerade gut aneinander gewöhnt hatten. Donovan bekam sein Stallhalfter auf. Ich ließ es dran, damit mein „Pferde-Reinholdienst“ eine Chance hat, den Zausel zu greifen.

Ich war in Sorge, ob er wohl nur draußen stehen würde, weil er in seiner Doppelbox ja allein steht und dann völlig nassgeregnet und durchgefroren sein würde. Ihm eine Regendecke zu verpassen, ist zurzeit noch völlig undenkbar.

Freudige Überraschung, als ich abends nach Hause kam: Er stand warm und trocken in seiner Box und fraß gemütlich sein Heu. Erst als das automatische Licht – über einen Bewegungsmelder von mir ausgelöst – anging, kam er heraus. Ich nahm ihn in Parelli-Ausrüstung mit in die Halle.

Stehen und Gehen und Rückwärts sind die ersten Kommandos, die er lernen muss. Es klappte erstaunlich gut. Nachdem der Spiegel erneut inspiziert werden musste, machte er aufmerksam mit. Das Anhalten übte ich gleich in HSH-Manier: Mit dem Stock klopfte ich vor ihm gegen die Bande, während ich „Haaaaaaalt“ sagte und selber „militärisch“ stehenblieb.

Schon nach einer Runde hatte er das begriffen, und ich musste den Stock nicht mehr einsetzen. Das Rückwärts ist bei ihm eh icht so ein großes Problem, da er eher zum Weglaufen neigt, als einen über den Haufen rennt.

Zweite wichtige Übung: Akzeptieren, wenn der Carrot-Stick wedelt und das nicht als Kommando zum Losrennen interpretieren. Ich konnte ihn nach einigen Minuten mit dem Stock abstreichen, überall berühren. Das Seil wedelte ich vor mir im Takt wie einen Scheibenwischer hin und her, während ich vorwärts ging und er mir folgte. Das Seil auf seinen Rücken werfen konnte ich noch nicht. Das machte ihm große Angst.

Zwischen den Übungen: Immer wieder Pause, „dumm rumstehen“, am Kopf kraulen, reden und viel viel loben.

Nach 20 Minuten war die erste „Lehrstunde“ beendet und ich brachte ihn zurück und gab ihm zur Belohnung sein Kraftfutter.

Das selbe Programm mache ich nun jeden Abend. Von Tag zu Tag erduldet er es mehr, wenn Führstrick oder Carrot-Stick über seinen Rücken geworfen wurden. Zusätzlich im Programm: das Circle-Game (im Kreis um mich rumlaufen). Den ausgestreckten Arm, der ihm die Richtung vorgibt, missversteht er anfangs als Bedrohung, will sich rückwärts aus der Affäre ziehen. Schließlich klappt es aber doch. Wenn ich will, dass er trabt, mache ich ebenfalls ein paar Trabtritte in der Mitte des Zirkels. Das wird auch von Tag zu Tag besser.

Seit Donnerstag neu im Programm: Rückwärts richten mit Fingerzeig auf Entfernung (Yoyo-Game). Das fällt ihm wie erwartet leicht. Das zu mir zurückkommen geht aber auch recht gut, ist aber noch zu zögerlich.

Donnerstag Abend habe ich ihn zum ersten Mal in der Halle vom Führseil abgemacht, damit er die Halle alleine erkunden kann. Der Spiegel ist inzwischen kein Problem mehr. Aber Donovan will nicht toben, sich auch nicht wälzen. Er läuft mir hinterher, freut sich, wenn ich ihn kraule.

Auch ich habe mich in der Woche mehr und mehr entspannt. Donovan hat sich nicht als das erwartete Wildpferd entpuppt. Er ist aufmerksam, macht gerne mit und freut sich, wenn er gelobt wird. Er streckt mit seine Füße freiwillig entgegen – auch hinten und hat kein Problem damit, wenn ich mit der Bürste die Hufe reinige.

Beim Putzen ist er noch sehr eigen: Harte Bürsten mag er gar nicht, ganz besonders die Metallbürsten nicht, mit denen man Schweif und Mähne bürstet. Ich vermute, weil es ein Geräusch macht. Das macht aber gar nichts, putzen steht nicht an erster Stelle der Ausbildung.


Porträt Donovan

Das ist Donovan. Er hatte am 9. Januar Geburtstag und wurde da genau vier Jahre alt.

Was ich über ihn weiß:
Er ist ein Trakehner russischer Abstammung und wurde in Bayern geboren.

Als Absetzter wurde er von dem namhaften Trakehner Züchter Cees van de Ree (http://www.gestuet-hellerholz.com/) aufgekauft und nach Alvesloe (nördlich von Hamburg) gebracht. Mit vielen anderen Hengstfohlen seines Jahrgangs ging es von hier nach Holland auf die großen Aufzuchtsweiden. Dort verbrachte er die ersten drei Jahre seines Lebens in einer Hengstherde von ca 40 Jungtieren.

Die Pferde wachsen dort ohne Eingreifen des Menschen auf. Es wird nach ihnen gesehen, sie werden entwurmt und geimpft, aber es wird nicht mit ihnen umgegangen. Dafür sind es einfach zu viele.

Im Herbst 2008 wurde er eingefangen und zusammen mit sieben Kumpels im Pferde-LKW wieder nach Alveslohe gebracht. Eine Woche später wurde er gelegt und bei der Gelegenheit gleich gründlich untersucht, inklusive Röntgen-Check. Bestätigung vom Tierarzt: 1-A gesund!

Was jetzt kam, ist ihm möglicherweise in nicht so guter Erinnerung: Da sich ein rohes, ungestümes Pferd schlecht verkauft – dafür wurde er ja gezüchtet – sollte er anlongiert und angeritten werden. Leider in der Manier, wie es unter Dressurreitern immer noch üblich ist: Tüchtig anlongieren, Sattel drauf, Bereiter drauf – und ab geht die Post.

Und das tat sie dann auch. Laut Zeugenaussagen hat es den Bereiter keine 6 Sekunden auf dem Pferd gehalten. Als auch ein zweiter Versuch scheiterte, hat man von weiteren Versuchen abgesehen und Donovan (zwischenzeitlich hatte man ihn auch "Diabolo" getauft…) als ungerittenes Pferd im Internet annonciert.

Hier habe von meiner Nachbarin, die selbst eine Zuchtstute dort auf dem Hof stehen hat und ihn ein wenig mitbetreut hat, von ihm erfahren. Inzwischen war der Verkauf des Tieres zur Eilsache geworden. Zehn Mutterstuten waren kurz vor ihrem Abfohltermin, Arbeitskräfte knapp, das Wetter allgemein zum fürchten. Deshalb kam Donovan auch nur stundenweise in einen völlig verschlammten Auslauf oder mal für eine halbe Stunde in die Halle, während seine Box gemistet wurde.

Hmmm, ein rohes Pferd, mit dem noch nicht richtig was gemacht wurde und zudem extrem günstig in der Anschaffung? Eigentlich ein Pferd, das ich suchte, um es strikt in der HSH-Methode auszubilden. Der Zeitpunkt hätte gern ein halbes Jahr später sein dürfen – aber man muss Gelegenheiten beim Schopfe packen. Und so habe ich ihn gekauft.

In Alvesloe fand ich Donovan als ziemlich wild und unerzogen. Führen war nur durch Hinterherschleifen möglich. Kaum in der Halle angekommen musste ich mich beeilen, ihn loszulassen, um nicht mitgerissen zu werden – so ist er auf und davon gestürmt, hat Kapriolen geschlagen, gebuckelt, die wildesten Bocksprünge gemacht und ist wie ein Besessener gelaufen.

O je, dacht ich so, ober der Kauf eine gute Entscheidung war? Würde ich ihn zu Hause bändigen können? Wie jemals die Leinen um seine Hinterbeine herumführen, ohne dass er mir die Beine um die Ohren haut? Das Zurück zum Stall war ebenso aufregend. Der Versuch, ihn zwischendurch am Wegrand etwas grasen zu lassen, scheiterte beinah einer auffliegenden Taube. Überhaupt hatte Donovan keinen Sinn fürs Grasen, sonder starrte angestrengt in der Gegend herum, ob er für sich etwas aufregendes entdecken würde. Beim Gehen stieß er ungewohnte Grunzlaute aus, die mir ganz klar zeigten, in welcher Anspannung der kleine Kerl war.

Aber was soll ich sagen? Ich schreibe dieses Porträt, nachdem er seit einer Woche bei mir steht. Nach anfänglicher Scheu und etwas Unsicherheit, entwickelt sich Donovan zu dem bravsten, einfachsten Pferd, das ich je hatte. Kein ungebührliches Wegstürmen, kein "über-den-Haufen-gerannt"-werden, kein Gezicke mit den anderen Pferden. Und selbst meine beiden Stuten, die innerhalb von drei Tagen gemeinsam rossig wurden und sich ihm völlig unanständig aufdrängen, umsorgt er, ohne Anstalten zu machen, sie zu bespringen oder anzugiften.

Donovan ist ein vorsichtiges Pferd. Alles neue wird intensivst in Augenschein genommen, mit Nase, Ohren und Maul untersucht, um dann als "ok, kenn ich jetzt" gespeichert zu werden. Die Arbeit mit ihm macht ungemein Spaß, und Donovan scheint sich zu freuen, Aufgaben gestellt zu bekommen. Er scheint auch ein recht intelligenter Bursche zu sein. Neue Lektionen lernt er in wenigen Wiederholungen.

Na, mal sehen, wie er sich diesen Sommer über entwickelt.
Tangstedt, im März 2009


Der erste Freitag

Achtung: Klickt auf die Fotos und ihr kriegt in einem 2. Fenster Videos. Das Videofenster anschließend wegklicken.

Donovan hat die erste Nacht in seinem neuen Domizil gut überstanden. Zur Begrüßung gab's einen Happen Kraftfutter und etwas Heu und er durfte seinen Paddock inspizieren. Das tat er denn auch ausgiebig. Er hat jede Ecke "erschnüffelt", ist jeden Quadratzentimeter des Auslaufs abgeschritten. Aber wider Erwarten in relativer Ruhe und ohne große Nervosität.


Weil alles so gut lief, entschloss ich mich, ihn gleich mit den anderen Pferden auf den Winterpaddock zu lassen – allerdings in der sicheren (hohen) Einzäunung des Roundpens.

Mit Parelli-Ausrüstung und Handschuhen bewaffnet ging ich los. Anders als auf dem Züchterhof ließ er sich willig ganz allein zum Roundpen führen. Nicht ein Versuch, wegzustürmen oder sich loszureißen. Er ging auch durch das Türchen im Roundpen und wartete sogar, bis ich das Führseil abgeklinkt hatte. Als ich mich aber entfernte, um die anderen Pferde zu holen, fing er an, herumzugaloppieren und entrüstet nach Kumpeln zu wiehern.

Dann schickte ich die anderen Pferde los. Wenn ein neues Pferd Einzug gehalten hat, bekommen es alle Pferde mit – selbst die auf der Nachbarweide. Unruhe und etwas Anspannung liegt in der Luft. So war es auch diesmal. Sie stürmten sofort los, um den Neuen zu begutachten, galoppierten wie wild durcheinander und um den Roundpen herum. Ich wußte gar nicht, dass ein erwachsenes Pferd seinen "Stert" derart hochnehmen kann – Donovan hat es gezeigt. Er rannte im Roundpen Runde um Runde und hielt nur an, um mit den anderen Nasenkontakt aufzunehmen und dann laut zu quieken und mit den Vorderfüßen zu stampfen.

Aber schon nach einer knappen Stunde hatten sich alle beruhigt und naschten von dem angebotenen Heu. Ich habe sie gegen Mittag wieder reingeholt. Erst die alten, dann Donovan. Wollte ihn ja nicht durch die Herde führen müssen.

Als das letzte Pferd die Weide verlassen hatte, gebärdete sich Donovan wieder wie toll, tobte herum, wollte natürlich hinterher. Ich hatte größte Mühe ihn einzufangen, um ihm das Halfter wieder aufzulegen. Ich kam mit Geduld und Hartnäckigkeit zum Ziel.

Ich war auf ein Losrennen gefasst – aber Donovan überraschte mich erneut. Er folgte mir sittsam bis in sein neues Zuhause. Weil er mir aber doch zu aufgekratzt war, auch nicht in der Box sein Heu fressen wollte, sperrte ich ihn den Nachmittag und über Nacht in seiner Riesenbox (3×6 m) ein.


Rückschau auf die ersten Tage

Ab heute will ich regelmäßig über meine Arbeit mit Donovan schreiben. Ich beginne mit einer kleinen Rückschau auf die vergangene Woche:

Ich hatte Donovan bereits vorletztes Wochenende gekauft und mit dem Aufzüchter vereinbart, dass er bis Mai auf dem Hof bleiben dürfte. Dann würde mein Jahresurlaubbeginnen, und ich hätte genug Zeit, ihn schonend in die Herde zu integrieren und mit der Arbeit zu beginnen.

Als ich das Pferd aber vorletztes Wochenende besuchte, um ihm ein bisschen extra Bewegung zu verschaffen, gebärdete er sich derart ungestüm, dass ich schon Sorge hatte, dem nicht Herr zu werden. Er hatte einfach Bewegungsmangel.

Und der Paddock, auf den er täglich alleine kam, war derartig “abgesoffen”, dass an ein Herumtoben für ihn gar nicht zu denken war. Die restliche Zeit des Tages stand er in einer sehr gepflegten, großen Box – aber mehr oder weniger im Halbdunkel, wenn die Türen geschlossen waren.

Bei uns besserte sich das Wetter zunehmend, die Sonne schien, und unsere Pferde tollten unbeschwert auf dem Winterauslauf herum. Darauf sollte Donovan noch über sechs Wochen lang verzichten? Nein, das konnte ich nicht übers Herz bringen.

Als ich dann auch noch den Freitag frei bekam, stand mein Entschluss fest: Ich lasse Donovan am Donnerstag Abend “anliefern”.

Durch einen kleinen “Cocktail” ruhig gestellt, kam er wohlbehalten bei mir an und bezog seine großzügige Doppelbox im Außenbereich mit einem großen Auslauf dran.


Donovan ist da!

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Am 19. März ist er zu mir gekommen: Donovan, ein 4-jähriger Trakehner Wallach. Ich habe mehr oder weniger zufällig von ihm gehört und konnte dann nicht widerstehen: Donovan ist noch nicht geritten. Überhaupt wurde bisher wenig mit ihm umgegangen.

Für mich DIE Herausforderung: Was kann ich dem liebenswerten Kerl mit der HSH-Methode beibringen? Wann werde ich ihn das erste Mal reiten können? Alle Macken, die er möglicherweise im Laufe der Zeit entwickelt, habe ich ihm dann anerzogen.

Ein für mich sehr spannendes Projekt. Wenn es euch ebenso interessiert, schaut hier regelmäßig rein, ich werde hier mehr oder weniger täglich über meine Arbeit berichten. Und zwar über positive wie (hoffentlich wenige) negative Ereignisse.